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Montag, 20. Mai 2019

Samstag
Am Morgen ist es ungewohnt dunkel: wir nähern uns der nächsten Zeitgrenze, hier geht die Sonne fast eine Stunde später auf als in Lynchburg/ Tennessee. Deutlicher lassen sich die hiesigen Distanzen kaum veranschaulichen.

Beim Frühstück ist der Himmel über Texas zweigeteilt: Auf der Beifahrerseite (Osten) ist er stark bewölkt, auf der Fahrerseite (Westen) strahlend blau. Ein Blick auf das Satellitenbild zeigt, dass wir keinen Tag zu früh von Osten kommend in Amarillo angekommen sind und dass wir Glück haben, weiter westwärts zu reisen.

Die Route66, die heute nahezu vollständig parallel zur Interstate 40 verläuft, ist in unfassbar guten Zustand - wenn man Oklahoma zum Vergleich nimmt. So reisen wir zügig dahin durch die brettebene Landschaft aus Feldern und riesigen Weiden. Der Horizont scheint endlos weit weg, fast meint man die Erdkrümmung zu sehen; darüber spannt sich hellblau der Himmel mit herrlicher Klarheit. Bushland, Wildorado und Vega heißen die nächsten Orte, deren große Getreidesilos Leuchtturm-artig kilometerweit zu sehen sind.
Zwischendurch immer mal wieder auch die bekannten Route66-Ruinen in Form verlassener Motels oder Tankstellen, bei denen zum Beispiel in verblassten Neonwerbungen oft immer noch der alte Glanz zu sehen ist. Was reizt an diesen morbiden Zeugnissen der Vergangenheit? Sie spiegeln uns eine Welt wider, die längst untergegangen ist, die uns aber durch alte Filme und Bilder trotzdem ungeheuer vertraut ist. Man meint, fast wie in einer Sehnsucht den letzten Schatten dieser alten Zeit erhaschen zu können.

Links ist das grüne Land auf einmal braun: Tausende von Rindern sind hier in großen Koppeln zusammengetrieben worden wie in einem Western à la RED RIVER.

In Adrian dann ein besonderer Punkt: Mid Point  der Route66 - von hier aus ist die Strecke nach Chicago genauso lang wie nach Los Angeles, jeweils 1.139 Meilen. Und wie es der Zufall will: Auch für unsere "Across the USA-"Tour ist hier und heute Halbzeit.

Am Mid Point gibt es einen kleinen Diner, in den wir zum Lunch einkehren. Dieser gefällt uns richtig gut mit seinem stilechten Ambiente, einer herzlichen Bedienung und leckeren Burgern.

Ein paar Meilen später ändert sich die Szenerie von Grund auf dramatisch: Vor uns taucht unvermutet eine Geländekante auf, das bis jetzt grüne Grasland fällt an einer sich endlos von links nach rechts erstreckenden Klippe ab in eine steppenartige Prärie. Es scheint, vor uns bricht ein neuer Kontinent auf, durch den sich die Interstate bis in der Unendlichkeit verliert. Wir sind sprachlos und dann begeistert von diesem Anblick.

Kurze Zeit später haben wir Texas durchfahren - natürlich nur den äußersten Norden, den sogenannten Penhandle -  und wir erreichen New Mexico, den "State of Enchantment". 

Gleichzeitig wechselt wie erwartet auch die Zeitzone; ab sofort gilt die Mountain Time, wir liegen jetzt 2 Stunden hinter New York und 8 Stunden hinter der Heimat. Im Gegensatz zu Tennessee weist ein Schild darauf hin.


Das Gelände wird irgendwann hügeliger, mit jeder Meile ähnelt sie mehr einer Western-Kulisse; auch unser heutiges Ziel kommt bald zusehen, der Tafelberg Tucumcari, der der darunter liegenden Stadt den Namen gab.

Deren Einfahrtsstraße ist gesäumt von vielen Motels, die mit phantasievollen altmodischen  Neon-Reklamen auf sich aufmerksam machen wollen. Da ist er wieder: Der Reiz der Vergangenheit.
Der lokale Bahnhof beherbergt ein kleines Eisenbahnmuseum; dieses erscheint jedoch beim Blick durchs Fenster wenig attraktiv. Dafür gelingt hinter dem Museum ein Foto eines Güterzuges; ich winke dem Lokführer nach dem Auslösen zu, er grüßt mit einem kurzen Hupen des  Signalhorns zurück.

Für die heutige Campsite müssen wir dann eine Meile wieder zurückfahren. Sie ist recht einfach, bietet jedoch einen unverbauten  Tucumcari- Prachtblick. Der Eigentümer John - ausweislich seines Caps Vietnam-Veteran der Navy - war vor langer Zeit auch mal in Deutschland, in Wiesbaden, jedoch überraschenderweise nicht bei beim Militär, sondern "after the college". Er warnt vor einem stürmischen Abend, was sich zum Glück jedoch nicht bewahrheitet.


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